Mittwoch, 16. Juli 2014
Liegewiese im Schatten
Kleine Blumen stellen sich ins Sonnenlicht, zehren vom Morgentau, wachsen und wachsen und bieten sich schließlich ihren Bestäubern, durch schamlose Zurschaustellung von wilden Farben und den locken und belebenden Nektar feil. Danach wird fast die gesamte Energie in die neue Generation gesteckt. Schwer tragen sie daran, auch wissen sie nicht, was aus ihrer Frucht werden wird, so dass sie sich zusätzlich zu den körperlichen Strapazen sich Gedanken um Gedanken machen, die sie sich selbst erdenken. Ob ihre Mütter auch so gedacht haben? Nach vollendeten Lebenszweck, zeigen sie sich nunmehr nur noch in ihrem Leichenkleid, getragen von Blättern, die noch grün erscheinen. Aber nicht mehr dazu gemacht sind, neue Kräfte hervor zu bringen.
Ein große Baum fängt auch klein an. Die Jahre der Pubertät wären gar zu lang. So schaut er neidisch und verstohlen, auf all die schönen bunten Blumen um sich herum und will doch auch endlich mal geschmückter aus der kargen Zeit des Winters hervorgehen, als mit dem durchaus ansehnlichen jungen Grün der Blätter.Noch in mittlerer Größe geschieht es, dass auf einmal im Herbst neue, komische, ungewohnte, knubbelige Dinger angelegt werden. Verwirrt geht der Baum in den dämmernden Schlaf des Winters über, um dann im Frühling aus den Staunen nicht mehr herauszukommen, wie einige Insekten ihn plötzlich begehren. Es ist das Jahr der ersten Blüte. Etwas schüchtern und mit einem Schauer, der mehr wirkt als einer mit Hagel im Sommer, gibt sich der junge Baum hin und hin, bis die Blüten verschwinden. Doch ist damit noch nicht Schluss, an ihrer Stelle treten kleine Früchte, die nach einiger Zeit dazu in der Lage sind wiederum Besucher heranzuführen. So geht es Jahr um Jahr, mit der Größe und Erfahrung nimmt die Scham ab, verändert sich zu einem freudigen Hingeben bis zur Routine, die ab und an durch eine unvorhergesehene Aktion durchbrochen wird.
Der Baum steht Jahr um Jahr da, betrachtet die Gegend und die vielen Blumen. Und wenn es ihm gefällt, dann erzählt er ihnen Geschichten von ihren Müttern.

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