Mittwoch, 5. März 2014
Zweikomponentenkleber
mfw, 22:44h
Ein Sommer wie aus einem Bilderbuch lag hinter mir. Die Sonne strahlte mit wonniger Wärme auf uns herab. Wir waren. Wir das waren du und ich.
Kennengelernt hatten wir uns auf den Markt, auf der Bank unter der kleinen Linde. Du saßt da in deinem Sommerkleid, hast Eis gegessen und verträumt in den wolkenleeren Himmel geschaut.
Ich, hypnotisiert von dir, stand schon eine Ewigkeit am Rande des Marktes, wo ich wohne. Ich war aus der Tür herausgetreten und hatte dich gesehen, als du beim Eismann anstandest. Endlich löste ich mich von der Stelle und stolperte voran. Ich stolperte und fiel vor dir hin. Einfach so. Aus dem Gleichgewicht, in den Bann der Schwerkraft und auf direktem Weg auf den Boden. Wie immer in solchen Momenten war es daraufhin still. Du blicktest, deine Gedanken ordnend, leicht entgeistert auf mich herab. Mein Gesicht sah wohl am Anfang mehr als überrascht aus, brachte aber bei deinem Anblick ein Lächeln zusammen. Das Eis war gebrochen, gebrochen durch den Stolperer, gestolpert war ich ins Glück.
Wir redeten, lachten, aßen Eis und die Zeit verflog. Es waren berauschende Tage, durchbrochen von der Arbeitswelt.
Wir gingen baden, ins Kino und durchlebten Nachmittag und Nächte im Bett und an anderen stillen Orten. Wir lebten in einem Vakuum in dem die Zeit verflog, sie verflog in Überschall. Was heute war, wurde direkt übermorgen.
Das Wetter hielt. Auch schienen wir jeden Tag etwas neues an einander zu entdecken, zu erkunden, zu verstehen und zu verwirklichen.-Wir waren.-Doch unser Glück zerschellte an der Arbeit.
Du bekamst einen Job weit, weit entfernt. Einen auf den du schon lange hingearbeitet hattest. Nun standen wir zur Diskussion. Du wolltest deinen Traum annehmen und ich unterstützte dich. Aber sollte ich mit dir gehen? Hier alles abbrechen? Neu anfangen? Um bei und mit dir zu sein? Ich konnte es nicht. Hier gab es einfach zu viel von mir. Was sollten wir tun? Fernbeziehung? Ja? Nein? Ja doch!
Wir machten ein Bild auf dem Markt, auf der Bank, unter der kleinen Linde, 2 Monate und 13 Tage nach meinem Stolperer stürzten wir ins Ungewisse.
Ich brachte dich zum Flughafen. Es war grässlich und einfach nur falsch. Du warst weg und auch das Wetter änderte sich. Die Vorboten des Herbstes waren da. Es wurde wechselhaft, unbeständig, mit ein, zwei sonnigen Tagen zwischendurch.
Ich arbeitete, ging nach Hause und wartete, um dich per Internettelefon zu sehen, doch du hattest nicht immer Zeit. Musstest dich einarbeiten, eingewöhnen und warst am Ende des Tages sehr geschafft.
Ich verbrachte viel Zeit mit Tagträumen, ausgehend von unserem letzten Foto. Auch blickte ich jedes Mal , wenn ich aus der Tür heraustrat zur Bank hinüber. Und wenn ich früh am Morgen noch verschlafen war, dann sah ich dich dort sitzen, dich in deinem Sommerkleid. Ein Lächeln flog dann immer über mein Gesicht, gefolgt von einem tiefen Schmerz. Die Zeit schlich vor sich hin. War ein zäher, klebriger Brei. Auch die Gespräche wurden immer einsilbiger. Manchmal schwiegen wir uns an oder es gab Tage an denen wir uns gleich gar nicht sahen.
Nach 3 Wochen Fernbeziehung zog ich die Reißleine.
Es war doch so perfekt! Und nun? 3 Wochen und vorbei?
Am nächsten Tag gab es das erste Mal Nebel.
Ich schlich vor mich hin, trieb mich an, um Sachen zu machen, die mich doch nicht interessierten. Direkt nachdem ich Schluss gemacht hatte ging es mir gut, sehr gut, ich war befreit. Und nun? Nun ja, es ging mir einfach nur beschissen. Jeden Tag die Bank sehen, immer an dich erinnert werden. Es brachte mich fast um, denn du warst immer noch da. In meinem Kopf, in meinem Herzen. Doch etwas sollte unser Bild bald ändern, es verderben, es verdrehen, es entweihen. Der Herbst war gekommen und mit ihm gingen die Blätter der kleinen Linde. Ich musste handeln, etwas unternehmen, um mich zu erinnern, dass es dich wirklich in meinem Leben gegeben hatte und der Sommer real war.
Die Blätter unter denen wir geredet, gelacht und Eis gegessen hatten, wollten weg. Ich musste sie halten. Sie vom grauen Boden wieder in die Lüfte an ihren angestammten Platz erheben. Dafür besorgte ich mir Kleber. Starken Kleber. Zweikomponentenkleber. Einen mit Doppeldüse, um die kleinen Blätter Punkt für Punkt wieder befestigen zu können.
Es war eine Arbeit sisyphus'scher Couleur. Der Baum verlor Blatt für Blatt. Der Wind wirbelte die Blätter hinfort. Arbeiter der Stadt sammelten sie auf und brachten sie weg. Die Dunkelheit und das nasskalte Wetter setzten mir zu. Und Arbeit und Schlaf raubten mir Zeit, Zeit die ich doch brauchte. Die Leute lächelten über mich und mein Vorhaben. Manche sprachen mich an. Ich achtete nicht weiter auf sie. Ich verdrängte sie so gut es ging, denn sie lenkten mich ja doch nur vom Blättersammeln und -kleben ab.
Als der erste Schnee kam, hingen alle Blätter, die ich noch finden konnte, wieder am Baum. Zwar etwas welk und nicht mehr so grün, aber sie hingen. Kurz kam mir der Gedanke, Blätter aus Plaste oder Papier hinzuzufügen. Aber was sollten sie da, sie hatten dich ja nie gesehen, dich nie gekannt.
Nun hatte ich wieder mehr Zeit. Ich nutzte sie, indem ich unter der kleinen Linde, auf der Bank, auf dem Markt, saß und mir unsere Gespräche und dein Lachen ins Gedächtnis zu rufen versuchte.
Es gelang mir nicht.
Über das Kleben bist du langsam verblasst. Die starken Konturen waren verschwommen, verschwommen zu einem schlierigen Etwas, einer Frau, die sich nur noch durch ein Namensschild von anderen abgrenzen ließ.
Was war hier los? Es konnte doch nicht sein!
Ich hatte dich, bei der ganzen Arbeit dich hier zu halten, langsam und unbemerkt verloren. Du bist mir einfach entwischt. Ich schrie auf, sprang auf und riss einige Blätter ab vom Baum - diesem dummen Baum. Doch blieben immer noch Fetzen von Blättern zurück, halb zerrissen, aber doch noch am Baum.
Ich fasste mich eine wenig. Drehte mich um. Stapfte zum Haus, ging schlafen und am nächsten Morgen zur Arbeit.
Doch sah ich ihn noch, den Baum, der mich auszulachen, gar zu verhöhnen schien.
So ging es eine Woche lang.
Nun steh ich hier und wärme meine kalten Hände, an dem lustig knisternden Baum, der kleinen Linde, welcher bald nicht mehr steht, hier an der Bank, auf dem Markt.
Kennengelernt hatten wir uns auf den Markt, auf der Bank unter der kleinen Linde. Du saßt da in deinem Sommerkleid, hast Eis gegessen und verträumt in den wolkenleeren Himmel geschaut.
Ich, hypnotisiert von dir, stand schon eine Ewigkeit am Rande des Marktes, wo ich wohne. Ich war aus der Tür herausgetreten und hatte dich gesehen, als du beim Eismann anstandest. Endlich löste ich mich von der Stelle und stolperte voran. Ich stolperte und fiel vor dir hin. Einfach so. Aus dem Gleichgewicht, in den Bann der Schwerkraft und auf direktem Weg auf den Boden. Wie immer in solchen Momenten war es daraufhin still. Du blicktest, deine Gedanken ordnend, leicht entgeistert auf mich herab. Mein Gesicht sah wohl am Anfang mehr als überrascht aus, brachte aber bei deinem Anblick ein Lächeln zusammen. Das Eis war gebrochen, gebrochen durch den Stolperer, gestolpert war ich ins Glück.
Wir redeten, lachten, aßen Eis und die Zeit verflog. Es waren berauschende Tage, durchbrochen von der Arbeitswelt.
Wir gingen baden, ins Kino und durchlebten Nachmittag und Nächte im Bett und an anderen stillen Orten. Wir lebten in einem Vakuum in dem die Zeit verflog, sie verflog in Überschall. Was heute war, wurde direkt übermorgen.
Das Wetter hielt. Auch schienen wir jeden Tag etwas neues an einander zu entdecken, zu erkunden, zu verstehen und zu verwirklichen.-Wir waren.-Doch unser Glück zerschellte an der Arbeit.
Du bekamst einen Job weit, weit entfernt. Einen auf den du schon lange hingearbeitet hattest. Nun standen wir zur Diskussion. Du wolltest deinen Traum annehmen und ich unterstützte dich. Aber sollte ich mit dir gehen? Hier alles abbrechen? Neu anfangen? Um bei und mit dir zu sein? Ich konnte es nicht. Hier gab es einfach zu viel von mir. Was sollten wir tun? Fernbeziehung? Ja? Nein? Ja doch!
Wir machten ein Bild auf dem Markt, auf der Bank, unter der kleinen Linde, 2 Monate und 13 Tage nach meinem Stolperer stürzten wir ins Ungewisse.
Ich brachte dich zum Flughafen. Es war grässlich und einfach nur falsch. Du warst weg und auch das Wetter änderte sich. Die Vorboten des Herbstes waren da. Es wurde wechselhaft, unbeständig, mit ein, zwei sonnigen Tagen zwischendurch.
Ich arbeitete, ging nach Hause und wartete, um dich per Internettelefon zu sehen, doch du hattest nicht immer Zeit. Musstest dich einarbeiten, eingewöhnen und warst am Ende des Tages sehr geschafft.
Ich verbrachte viel Zeit mit Tagträumen, ausgehend von unserem letzten Foto. Auch blickte ich jedes Mal , wenn ich aus der Tür heraustrat zur Bank hinüber. Und wenn ich früh am Morgen noch verschlafen war, dann sah ich dich dort sitzen, dich in deinem Sommerkleid. Ein Lächeln flog dann immer über mein Gesicht, gefolgt von einem tiefen Schmerz. Die Zeit schlich vor sich hin. War ein zäher, klebriger Brei. Auch die Gespräche wurden immer einsilbiger. Manchmal schwiegen wir uns an oder es gab Tage an denen wir uns gleich gar nicht sahen.
Nach 3 Wochen Fernbeziehung zog ich die Reißleine.
Es war doch so perfekt! Und nun? 3 Wochen und vorbei?
Am nächsten Tag gab es das erste Mal Nebel.
Ich schlich vor mich hin, trieb mich an, um Sachen zu machen, die mich doch nicht interessierten. Direkt nachdem ich Schluss gemacht hatte ging es mir gut, sehr gut, ich war befreit. Und nun? Nun ja, es ging mir einfach nur beschissen. Jeden Tag die Bank sehen, immer an dich erinnert werden. Es brachte mich fast um, denn du warst immer noch da. In meinem Kopf, in meinem Herzen. Doch etwas sollte unser Bild bald ändern, es verderben, es verdrehen, es entweihen. Der Herbst war gekommen und mit ihm gingen die Blätter der kleinen Linde. Ich musste handeln, etwas unternehmen, um mich zu erinnern, dass es dich wirklich in meinem Leben gegeben hatte und der Sommer real war.
Die Blätter unter denen wir geredet, gelacht und Eis gegessen hatten, wollten weg. Ich musste sie halten. Sie vom grauen Boden wieder in die Lüfte an ihren angestammten Platz erheben. Dafür besorgte ich mir Kleber. Starken Kleber. Zweikomponentenkleber. Einen mit Doppeldüse, um die kleinen Blätter Punkt für Punkt wieder befestigen zu können.
Es war eine Arbeit sisyphus'scher Couleur. Der Baum verlor Blatt für Blatt. Der Wind wirbelte die Blätter hinfort. Arbeiter der Stadt sammelten sie auf und brachten sie weg. Die Dunkelheit und das nasskalte Wetter setzten mir zu. Und Arbeit und Schlaf raubten mir Zeit, Zeit die ich doch brauchte. Die Leute lächelten über mich und mein Vorhaben. Manche sprachen mich an. Ich achtete nicht weiter auf sie. Ich verdrängte sie so gut es ging, denn sie lenkten mich ja doch nur vom Blättersammeln und -kleben ab.
Als der erste Schnee kam, hingen alle Blätter, die ich noch finden konnte, wieder am Baum. Zwar etwas welk und nicht mehr so grün, aber sie hingen. Kurz kam mir der Gedanke, Blätter aus Plaste oder Papier hinzuzufügen. Aber was sollten sie da, sie hatten dich ja nie gesehen, dich nie gekannt.
Nun hatte ich wieder mehr Zeit. Ich nutzte sie, indem ich unter der kleinen Linde, auf der Bank, auf dem Markt, saß und mir unsere Gespräche und dein Lachen ins Gedächtnis zu rufen versuchte.
Es gelang mir nicht.
Über das Kleben bist du langsam verblasst. Die starken Konturen waren verschwommen, verschwommen zu einem schlierigen Etwas, einer Frau, die sich nur noch durch ein Namensschild von anderen abgrenzen ließ.
Was war hier los? Es konnte doch nicht sein!
Ich hatte dich, bei der ganzen Arbeit dich hier zu halten, langsam und unbemerkt verloren. Du bist mir einfach entwischt. Ich schrie auf, sprang auf und riss einige Blätter ab vom Baum - diesem dummen Baum. Doch blieben immer noch Fetzen von Blättern zurück, halb zerrissen, aber doch noch am Baum.
Ich fasste mich eine wenig. Drehte mich um. Stapfte zum Haus, ging schlafen und am nächsten Morgen zur Arbeit.
Doch sah ich ihn noch, den Baum, der mich auszulachen, gar zu verhöhnen schien.
So ging es eine Woche lang.
Nun steh ich hier und wärme meine kalten Hände, an dem lustig knisternden Baum, der kleinen Linde, welcher bald nicht mehr steht, hier an der Bank, auf dem Markt.
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