Mittwoch, 5. Februar 2014
verdeckt, versteckt und aufgehoben
Holger der Größere und Amal, der vormals den Namen Holger junior getragen hatte, schauten sich an. Der Zwerg war unschlüssig, was er sagen sollte bzw. durfte. Der edle Rispenkorn wusste nicht, warum ihn der Kleine anschaute. Da knorzte der Oliverbaum. Der haltlose Held hatte sich aus seiner schiefen Lage aufgerichtet und nun geriet der verknubbelte Baum in eine beträchtliche Schieflage, geschuldet dem Druck, den das sanftmütige Steckenpferd Prodoff auf ihn ausübte. Der erfahrene Hengst macht in dieser Situation nur große Augen. Die beiden Unschlüssigen sprachen ihr nächstes Handeln mit einem Blick ab. Beide sprangen auf Prodoff zu, krachten auf halbem Wege zusammen und mussten im Fallen zusehen, wie der krumme blätterbehangene und das Roß es ihnen gleich taten. Unser Held und der geschunden aussehende Amal hatten den gleichen Gedanken gehabt: "Ich nehme das Pferd und du hältst den Baum". Doch war es in diesem Falle hinderlich, dass exakt Selbe zu denken. (Und ja es war das Selbe, den ihre Gedanken glichen sich Wort für Wort und auch keiner dachte an eine gleiche Szene mit einem Baum und einem Pferd in nächster Nähe.)
Der unnachgiebige Holger überlegte kurz, ob er den geschundenen Zwerg etwas weiter schinden oder, da er nun ja wieder lag, seiner Traumfrau hinterher eilen sollte. Der gewiefte Amal erkannte die Gedankenspiele und begann sofort zu lachen. Er wollte keinen physische Schmerzen, durch den größeren, empfangen. Seinen Körper konnte er so schützen, doch die Auswirkungen, dieser unverhoffte und bisher noch nicht sehr stark ergründeten Bekanntschaft, auf seine Psyche konnte und wollte er noch nicht abschätzen. Der lebenslustige Rispenkorn stimmte, ohne weiter einen Grund dafür zu kennen, mit in das Gelächter ein. Auch Prodoff ließ lustige Laute hören. Doch was? Das ebenholzfarbene Steckenpferd zeichnete sich bisher dadurch aus, still gewesen zu sein. Und nein, das war kein Lachen, es war ein jämmerliches heulen. Hatte sich Prodoff erschreckt? Oder schlimmer noch, hatte er sich verletzt? Ein Zucken ging durch den sonst so zuckfreien Holger. Er spürte etwas. Konnte es sein, dass die Verbindung zu Prodoff, welche aus der Zeit des wilden Hüpfens und der Verschmelzung zu Proholdoffger, rührte, zu einer interkörperlichen Verbindung geführt hatte? Nein! Das Zucken kam vom blitzgescheiten Amal, welcher ihn am Hosenbein zupfte, da Holger der Schwerfüßige, mit geöffneten Mund die Szene betrachtete, wobei er, als Proteinsnack, schon die ein oder andere Fliege verschluckt hatte. Bei genauerem hinsehen, sah man, nicht nur dass man sehen konnte. Denn die Bilder erreichten das Auge und gingen von da an ins Gehirn und erschufen da, oh wunderlich, ein Bild, dass viele in selber Weise zu deuten wussten. Sie sahen, dass dem glücklichen Roß, zum Glück, kein Unglück zugestoßen war. Und der stille Prodoff verblieb weiter, in seiner gewohnten, dem gesprochenen Wort abgewandten, Weise. Doch was war das? An der Unterseite des Wurzeltellers befand sich etwas. Der wohl beflissene Zwerg, ärgerte seinen Hort der Psyche mit der physischen Gewalt seiner Hand, in dem er sich krachend gegen den Kopf schlug. Natürlich! Er wusste es doch eigentlich! Der Oliverbaum, war gar kein gewöhnlicher Baum. Nein, er war eher eine Produktionsstätte für Waffen der Selbstverteidigung. Sprich, es wuchs ein Schild unter jedem dieser Bäume heran, die, wenn sie fertig gereift und mächtig waren, sogar Sprechen konnten. Die Geburt eines solchen Schildes ist aber eher schrecklich. Das an die Oberfläche geworfene Schild schrie, da es abrupt in einen Lebensabschnittswechsel unterzogen wurden war. Unter dem Wurzelteller war es angenehm stickig und dunkel gewesen. Und es war zu dem durch den Wurzelteller geschützt gewesen, weshalb seine eigene Außenhaut, auch um das Wachstum ermöglichen zu können, weich war. Die Natur hatte es so eingerichtet, dass die Haut bei Kontakt mit Sauerstoff steinhart und noch härter wurde, im inneren aber noch flexibel blieb und dass sich ein solches Schild auf die Person prägt, welche es als erstes nach seinem Namen fragt. Nach dem, der kleine große Denker, Amal sich das alles wieder ins Gedächtnis gerufen hatte, atmete er tief ein, um die wichtigste Frage, seines bisherigen Lebens zu stellen. In diesem Augenblick dröhnte Holger der genervte: "Wer macht hier so ein Krach?". Und das Schild antwortete: "Ich, Tapis." Und war auf der Stelle ruhig. Unser, von Fortuna so geliebter, Held ergriff mit der einen Hand den liegenden Prodoff und mit der anderen das, ihm neue, Tapis.
Der so übergangene Zwerg zitterte und fragte mit eben dieser Stimme nach einem Schluck Kräutersud. Der immer trinkbereite Rispenkorn stimmte in den Vorschlag ein, setzte sich und ließ Prodoff an seiner linken Schulter angelehnt. Das neu dazugehobene Schild machte es sich, auf das rechte Bein, seines neuen Herrn, aufgelehnt, bequem. Ausnahmslos alle nahmen einen Schluck herrlichen Schnaps, wobei der ins glasschauende Holger darauf achtete, dass die Schlücke der anderen nicht zu groß ausfielen. Nach wenigen Minuten begann Amal zu reden. Er wollte jetzt erst einmal nicht weiter ziehen, es hatten sich zu viele Fragen angestaut und auch einige der Erlebnisse der jüngeren Vergangenheit mussten besprochen werden, so dass jeder in der Runde über den gleichen Wissenstand verfüge. Zumindest über das, was gerade wichtig genug war und nicht zu viel, um den großköpfigen Rispenkorn nicht zu ermüden. Tapis stimmte ein, denn es hatte bisher noch nicht viel gesprochen und es kannte von den jüngsten Erlebnissen nur eins, und dies betraf es selbst. Da es nicht eitel war, konnte dieses Erlebnis getrost übergangen werden. Auch freute es sich wahrscheinlich am meisten in der Runde auf das folgende Gespräch.
Unser Held, der unvergleichbare Holger Rispenkorn, schaute unversehens in sein Flasche. Viel war ihm nicht geblieben.

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